Financial Times Deutschland – Introduction of Haines and Maassen (Article in German)

Jäger der seltenen Erden

Published by Financial Times Deutschland
(Original link: http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/rohstoffe/:agenda-jaeger-der-seltenen-erden/50187363.html)

Wer in Deutschland die begehrten Rohstoffe kaufen will, kommt an Gunther Maassen nicht vorbei. Der Bonner Händler hat beste Kontakte nach China, wo die seltene Erden fast ausschließlich gewonnen werden. Noch gelingt es ihm meist, die Wünsche seiner Kunden zu erfüllen. Noch.

von Georg Fahrion, Bonn

HM-VaultVerpackt in durchsichtige Plastikcontainer ruht der Schatz in einer Kiste. Gunther Maassen greift behutsam zwei Behälter mit schwarzem Schraubverschluss heraus und sagt: “Zweimal ein halbes Kilo, macht rund 520 Euro.” Im Behälter: ein weißes Pulver. Auf dem Etikett: ein Kürzel. Eu-010 – Europiumoxid, eine seltene Erde.

Maassen steht mitten in der Schatzkammer, dem Lager des Metallhandels, den er in Bonn mit seinem Vater und seinem Bruder betreibt. Fast fünf Meter hoch ragen Regale unter die Decke, befüllt mit Kisten, Eimern, Säcken und allerlei merkwürdigen Behältnissen. Der blitzsaubere Boden der Halle besteht aus Spezialbeton, damit es keinen Abrieb gibt. Der Familienbetrieb Haines & Maassen kauft und vertreibt seltene Erden und sogenannte Nebenmetalle. Sie haben derzeit gut zu tun.

Am Markt für Seltenerden geht es so turbulent zu wie nie zuvor. Ohne die Mineralien sieht es übel aus für viele Zukunftstechnologien. Europium, Neodym, Lanthan und ihre Verwandten stecken in Hochleistungsmagneten für Elektroautos, in Windturbinen und Plasmabildschirmen. Die Nachfrage steigt ständig. Das ist ein Grund für die Verknappung – und für Preise, die sich in kurzer Zeit verzigfacht haben.

HM-German Report-picDer andere Grund liegt darin, dass ein einziges Land 97 Prozent der Weltproduktion kontrolliert: China. Die Volksrepublik verfügt zwar nur über ein Drittel der weltweiten Vorkommen seltener Erden. Sie baut diese aber zu so unschlagbar günstigen Preisen ab, dass die internationale Konkurrenz nach und nach aufgegeben hat. Ist die Produktion erst einmal eingestellt, lässt sie sich nicht von heute auf morgen wieder aufnehmen. In Kalifornien müht man sich, die Mountain Pass Mine wieder zu öffnen, doch vor Ende 2011 wird daraus nichts werden. Bis dahin kann China sein Quasimonopol ausschöpfen.

Mit seiner Machtposition versetzt das Land die Nutzer seltener Erden in Schrecken. Im September stellte Peking infolge eines Territorialstreits mit Japan die Lieferungen an das Nachbarland ein. Auch die Ausfuhren nach Europa stockten, berichtete die “New York Times”.
Im kommenden Jahr wird die Exportquote höchstwahrscheinlich weiter sinken.

Bei mittelständischen deutschen Firmen, die Seltenerden benötigen, herrsche mittlerweile “extreme Anspannung”, sagt Harald Elsner von der Deutschen Rohstoffagentur, die Anfang Oktober von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle eingerichtet wurde. Sie soll Unternehmen darüber informieren, wie sie sich im Ausland Rohstoffe sichern können. Die Bundesregierung ist alarmiert. Vergangene Woche beschloss sie eine Strategie, die der Industrie eine stete Versorgung bringen soll. “Deutschland ist bei den meisten Industrierohstoffen von Einfuhren abhängig”, sagte Brüderle am Dienstag auf dem Rohstoffkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin. “Das trifft uns aktuell bei vielen Metallen und Energierohstoffen. Das trifft uns aber auch bei den seltenen Erden.”

Quoten sind bereits erschöpft

Metallhändler Maassen kennt das Problem. “Es kann sein, dass der Preis noch nicht mal der entscheidende Faktor ist, sondern die Frage: Krieg ich’s, oder krieg ich’s nicht?”, sagt er. Meistens gelingt es ihm noch, chinesischen Händlern und Bergbaufirmen die gewünschten Seltenerden abzuringen. “Aber ich musste schon einigen Kunden sagen: Sorry, in diesem Jahr kann ich euch nicht mehr bedienen.”

Schuld sei daran aber nicht eine plötzliche Willkür der Chinesen, sondern die Tatsache, dass viele Exporteure ihre Quoten für 2010 bereits ausgeschöpft hätten. Bestehende Lieferverträge würden erfüllt, aber “wenn Sie jetzt keinen Vertrag haben und im November was brauchen, dann ist die Tür zu”.

So etwas passiert bei Haines & Maassen nicht, dafür sind sie zu lange im Geschäft. Senior Hartwig Maassen arbeitet seit 1965 in der Firma, zwölf Jahre später hat er sie übernommen. Jetzt ist er 77 Jahre alt und immer noch dabei. Er führt den Betrieb gleichberechtigt mit seinen beiden Söhnen, die auch Miteigentümer sind. Ein Enkel studiert Gießereitechnologie an der TU Bergakademie Freiberg, er soll später in den Betrieb einsteigen.

Die Firma beliefert Hersteller von Glas, Keramik, Poliermitteln, Leuchten und Magneten. Welche Firmen zu den Kunden zählen, verrät Gunther Maassen nicht. Das Geschäft mit den seltenen Erden ist manchmal so geheimnisvoll wie der Stoff, mit dem gehandelt wird. Außerdem verschickt das Unternehmen Material an 90 Prozent der Institute in Deutschland, die an seltenen Erden und Metallen forschen. Denen erfüllt er auch Sonderwünsche: “Das ist vielleicht nicht immer kostendeckend”, sagt Maassen, “aber es ist spannend.”

Der Unternehmer hat Spaß am Metallhandel. Sein Vater und er lächeln viel, wenn sie von ihrem Business erzählen: “Wenn von zehn Geschäften neun gut gehen, kann man zufrieden sein.” Seltene Erden werden an keiner Börse gehandelt – abgesehen von einer in Schanghai, wo nur chinesische Unternehmer kaufen und verkaufen dürfen und der Staat eine Bandbreite für die Preise festlegt. Ansonsten ist der Preis eine Sache des eigenen Verhandlungsgeschicks.

In der angespannten Situation kann auch Erfahrung nicht immer helfen. Neulich orderte Maassen Ceroxid für 10 Dollar das Kilo. Der Lieferant wollte plötzlich 30 Dollar haben, weil die chinesische Exportkontrolle das verlangte. Man einigte sich auf halbem Weg. Der Unternehmer nimmt solche Zwischenfälle gelassen: “Nicht so schlimm, war nur eine Tonne. Hätten ja auch 100 Tonnen sein können.”

Die chinesische Mentalität gefällt ihm

Für Maassen ist der Handel mit Metallen mehr als ein Job. Wenn er das Lager vorführt, lässt er Würfel auf Handflächen plumpsen, damit man das unterschiedliche Gewicht der Elemente spüren kann. Er erklärt Folien und Barren, Drähte, Pulver und Stäbe. Er hebt den Deckel von Holzkisten, um Kupferbrocken von der Größe eines Medizinballs zu betrachten oder eine Scheibe aus einem eisernen Meteoriten, der in Namibia gefunden wurde. “Um das Geschäft professionell zu betreiben, muss man auch eine gewisse Beziehung zu den Metallen haben”, sagt Maassen. “Ich möchte meine Metalle einfach anfassen.”

Es ärgert ihn, wenn es in der Presse immer nur um die strategische Bedeutung der Rohstoffe geht und darum, wie teuer sie sind. Er findet es genauso interessant, dass die seltene Erde Neodymoxid bläulich ist und Terbiumoxid braun wie Kaffeepulver. Es fasziniert ihn, dass Wismut in allen Farben des Regenbogens schillert und in bizarren geometrischen Formen aushärtet, dass Gallium bei knapp 30 Grad Celsius schmilzt und dass sich an der Oberfläche von Tellur Kristalle bilden, die aussehen wie Eisblumen an einer Fensterscheibe im Winter.

Nach dem Rundgang in der Lagerhalle empfiehlt Maassen, die Hände zu waschen. Ein paar Partikel der Metalle bleiben immer an den Händen zurück, und bei der exotischen Mischung wisse man nie so genau, wie die miteinander reagieren. “Ich kann einige Metalle durch die Reaktion der Haut unterscheiden, wenn ich sie in der Hand halte”, sagt Maassen. Es klingt wie ein Scherz, doch sein Vater bestätigt ernst: “Er kann das besser als sein Bruder und ich.”

Um seine Ware zu kaufen, fährt Maassen häufig nach Fernost. “Die Chinesen haben eine Mentalität, die mir außerordentlich gut gefällt”, sagt Maassen. “Die wollen was unternehmen, und sie können auch mal übereinander lachen.” Seine rheinische Natur helfe ihm dort: “Ich gehe da in einen Betrieb rein und kenne keinen, und nach zehn Minuten kenne ich schon die Hälfte der Leute.” Auch dass er fünf Kinder habe und in einem Betrieb arbeite, der nach chinesischen Maßstäben mit 60 Jahren als alt gelte, mache ihn bei den Chinesen beliebt.

Erst in der vergangenen Woche war er wieder dort, auf einer Fachkonferenz in Xiamen. Die halbe Seltenerdenbranche war dort versammelt, 250 Teilnehmer, Chinesen, Amerikaner, eine Handvoll Europäer. Auch chinesische Politiker seien dort aufgetreten, “meist getarnt als Mitarbeiter des Statistikamts”. Maassen hat Verständnis für die Position Pekings: “Denen geht’s darum, primär die eigene Wirtschaft zu versorgen.” Auf der Konferenz habe ein Chinese gesagt: Wir haben uns noch nicht mal von der Krise erholt, die euer Finanzsystem angerichtet hat. Jetzt dürft ihr uns doch nicht verübeln, dass wir versuchen, den Binnenmarkt in den Griff zu kriegen. “Mir war das sehr sympathisch.”

An der Abhängigkeit von China wird sich so schnell nichts ändern. Bis neue Minen außerhalb des Landes mit der Förderung beginnen, vergehen noch Jahre, das Recycling von Rohstoffen steckt erst in den Anfängen. Maassen will zur Linderung der Knappheit sogar Unternehmen mit Anlegern zusammenzubringen, die seltene Erden als Wertanlage gekauft und eingelagert haben. “Es ist für den Westen eine bedrückende Situation”, sagt der Unternehmer. “Aber wir müssen lernen, damit umzugehen.”